Wenn die Tage kürzer werden, beginnt bei Pferden automatisch die Winterfellproduktion. Viele Reiterinnen und Reiter stellen sich dann die Frage: Soll ich mein Pferd scheren oder nicht?
Das Scheren von Pferden wird oft kontrovers diskutiert. Während manche Pferdebesitzer auf das natürliche Winterfell setzen, gehört die Schur bei vielen Sport- und Freizeitpferden längst zum festen Bestandteil des Wintermanagements. Dabei geht es nicht nur um Optik oder Turnierpräsentation, sondern vor allem um Gesundheit, Wohlbefinden und Leistungsfähigkeit des Pferdes.
Warum bekommen Pferde überhaupt Winterfell?
Das Fellwachstum wird nicht in erster Linie durch die Temperatur gesteuert, sondern durch die Tageslichtlänge. Über die Melatoninproduktion reagiert der Organismus auf kürzere Tage und beginnt mit der Ausbildung des Winterfells.
Viele moderne Pferde entwickeln dadurch ein sehr dichtes Winterfell – unabhängig davon, ob sie tatsächlich dauerhaft niedrigen Temperaturen ausgesetzt sind. Gleichzeitig leben und arbeiten unsere Pferde heute ganz anders als ihre Vorfahren. Sie stehen in geschützten Ställen, tragen Decken und werden regelmäßig trainiert.
Genau hier entsteht häufig das Problem: Das Winterfell ist hervorragend für ein Pferd geeignet, das den Winter überwiegend auf der Weide verbringt. Für ein Pferd, das mehrmals pro Woche trainiert wird, kann das dichte Fell dagegen schnell zur Belastung werden.
Gut zu wissen: Fakten rund ums Winterfell
- Rund 80 % der Wärme, die ein Pferd benötigt, entsteht durch die Durchblutung der Haut. Das Fellhaar wirkt vor allem als Regulator bei Temperaturänderungen.
- Melatonin steuert das Fellwachstum – nicht die Temperatur. Je kürzer die Tage, desto mehr Melatonin wird gebildet.
- Die Haarlänge ist bis zu 90 % genetisch bestimmt und lässt sich nur wenig beeinflussen.
- Die Fellgenetik passt sich nur über viele Generationen langsam an. Das heutige Pferd bildet deshalb oft noch ein Winterfell, wie es bei kälteren Wintern früher nötig war.
Warum schert man Pferde? Schweiß und lange Trocknungszeiten
Der wichtigste Grund für das Scheren ist der Schweiß. Nach dem Training ist das Pferd oft stark verschwitzt. Das dichte Winterfell saugt sich mit Feuchtigkeit voll und benötigt mehrere Stunden, um vollständig zu trocknen. In dieser Zeit muss das Pferd:
- abgedeckt werden,
- geführt werden,
- unter Solarium oder Abschwitzdecke stehen,
- vor Zugluft geschützt werden.
Gerade im Winter bedeutet das einen erheblichen Zeitaufwand. Ein geschorenes Pferd schwitzt zwar weiterhin, die Feuchtigkeit kann jedoch wesentlich schneller verdunsten. Dadurch trocknet das Pferd deutlich schneller und kühlt kontrollierter ab.
Mehr Gesundheit und Wohlbefinden durch das Scheren
Ein gutes Fellmanagement trägt wesentlich zum Wohlbefinden des Pferdes bei. Bei Pferden mit dichtem Winterfell sammeln sich häufig Schweißrückstände, Hautfette, Staub und Schmutzpartikel. Diese Kombination kann das Hautmilieu beeinträchtigen und Hautprobleme begünstigen.
Ein kurz geschorenes Pferd lässt sich wesentlich einfacher pflegen. Schmutz und Schweiß können leichter entfernt werden, die tägliche Fellpflege wird effizienter. Besonders bei Sportpferden ist das ein wichtiger Faktor, da die Haut als größtes Organ eine zentrale Aufgabe bei der Thermoregulation übernimmt.
Gesunde Haut als Grundlage für Leistung
Die Haut eines Pferdes ist weit mehr als eine äußere Schutzhülle. Sie übernimmt wichtige Aufgaben bei Wärmeabgabe, Schweißproduktion, Stoffwechselprozessen und Durchblutung. Ein dichtes, verschmutztes Winterfell kann diese Prozesse erschweren.
Durch das Scheren entsteht ein besseres Umfeld für Haut und Schweißdrüsen. Die Haut wird besser durchblutet und kann ihre Funktionen effizienter erfüllen. Gerade bei Pferden, die regelmäßig trainiert werden, wirkt sich das positiv auf Regeneration und Leistungsfähigkeit aus.
Weniger Energieverbrauch durch bessere Wärmeabgabe
Ein häufig unterschätzter Aspekt ist der Energiehaushalt des Pferdes. Muss ein Pferd überschüssige Wärme wegen eines sehr dichten Winterfells abgeben, kostet ihn das ebenfalls Energie. Durch eine angepasste Schur reguliert das Pferd seine Körpertemperatur während der Arbeit leichter. Die Energie steht damit stärker für Training, Muskulatur und Regeneration zur Verfügung.
Pferde mit Cushing scheren
Für Pferde mit dem Equinen Cushing-Syndrom (ECS) ist das Scheren oft besonders sinnvoll. Viele betroffene Pferde entwickeln ein ungewöhnlich langes und dichtes Fell, das sie selbst im Frühjahr nicht vollständig verlieren. Die Folgen können Überhitzung, starkes Schwitzen, Kreislaufbelastung und ein eingeschränktes Wohlbefinden sein. Eine Schur sorgt hier häufig für deutliche Erleichterung und verbessert die Lebensqualität spürbar.
Wann sollte man ein Pferd scheren?
Die Frage „Wann sollte man ein Pferd scheren?“ beschäftigt viele Reiterinnen und Reiter. Ein guter Zeitpunkt für die erste Schur ist meist zwischen Oktober und November, sobald das Winterfell voll ausgebildet ist und das Pferd nach der Arbeit sichtbar länger zum Trocknen braucht. Je nach Fellwachstum und Trainingspensum wird eine Schur über den Winter ein- bis mehrmals wiederholt.
Als Faustregel gilt: Die letzte Schur erfolgt in der Regel nicht später als Ende Januar bis Anfang Februar, damit das Sommerfell im Frühjahr ungestört nachwachsen kann. Wichtiger als ein starres Datum ist aber das einzelne Pferd, wie stark es schwitzt, wie es gehalten wird und wie intensiv es arbeitet.
Welche Schur passt zu welchem Pferd?
Nicht jedes Pferd benötigt eine Vollschur. Die Wahl der richtigen Schurform hängt von Haltung, Trainingsintensität und Fellbeschaffenheit ab. Ein Überblick über die gängigsten Schurarten:
Bib-Schur
Die konservativste Variante. Hier werden lediglich Brust und unterer Halsbereich geschoren. Geeignet für:
- leicht arbeitende Pferde
- robuste Pferde
- Offenstallpferde

Strip-Schur
Zusätzlich zur Bib-Schur wird die Unterseite des Bauches geschoren. Geeignet für:
- Freizeitpferde
- Pferde mit leichter Arbeit

Irische Schur
Eine beliebte Schur für Pferde mit mittlerem Trainingspensum. Dabei werden die Bereiche geschoren, in denen das Pferd hauptsächlich schwitzt. Geeignet für:
- Freizeit- und Sportpferde
- Pferde mit regelmäßigem Training

Deckenschur
Große Teile von Hals, Brust und Bauch werden geschoren, während Rücken und Nierenpartie geschützt bleiben. Geeignet für:
- Pferde mit mittlerer bis intensiver Arbeit

Hunterschur
Körper und Kopf werden geschoren, Beine und Sattelbereich bleiben meist behaart. Geeignet für:
- Turnierpferde
- intensiv trainierte Pferde

Vollschur
Das gesamte Fell wird entfernt. Geeignet für:
- Sportpferde im intensiven Training
- Turnierpferde
- Pferde mit starkem Fellwachstum

Die Wahl der Schurart sollte immer individuell auf das Pferd abgestimmt werden. Bei Unsicherheit hilft eine Beratung durch Tierarzt, Trainer oder einen erfahrenen Pferdefriseur.
Die ideale Scherlänge
Wer sein Pferd scheren will, sollte auch auf die Schnittlänge achten. Ein präziser, gleichmäßiger Schnitt von etwa 1,5 mm sorgt für die bestmögliche Farb- und Glanzpräsentation des Fells. Verantwortlich dafür ist der Cortex – die Schicht im Haar, die Farbe und Glanz erzeugt. Cuticle und Medulla sind farblose Bestandteile des Haares.
Viele Geräte schneiden ungleichmäßig und in einer Länge von 3–4 mm. Der Schnitt fällt dann oft schief und ausgefranst aus, die Haare werden fast abgerissen. Das Ergebnis ist ein stumpfes Finish ohne Glanz. Ein sauberer Schnitt von rund 1,5 mm liefert dagegen ein gleichmäßiges, glänzendes Fellbild.

Fazit: Pferde scheren ist aktives Gesundheitsmanagement
Das Scheren von Pferden ist weit mehr als eine kosmetische Maßnahme. Richtig eingesetzt kann eine Schur die Hautgesundheit unterstützen, die Fellpflege erleichtern, die Trocknungszeit deutlich verkürzen und so zu Regeneration, Leistungsfähigkeit und Wohlbefinden deines Pferdes beitragen.
Welche Schur die richtige Wahl ist, hängt dabei immer von der individuellen Situation deines Pferdes ab. Trainingsintensität, Haltung und Fellbeschaffenheit spielen eine entscheidende Rolle, denn nicht jedes Pferd braucht die gleiche Schur.
Du weißt jetzt also, warum und wann das Scheren sinnvoll sein kann. Bleibt noch die praktische Frage: Wie bekommt man das Fell eigentlich gleichmäßig ab, ohne dass am Ende Streifen, Kanten oder ein genervtes Pferd zurückbleiben?
Genau darum geht es in unserem nächsten Beitrag „Wie schert man ein Pferd?“. Dort zeigen wir dir, wie du dein Pferd richtig auf die Schur vorbereitest, in welcher Reihenfolge du am besten vorgehst und worauf du beim Umgang mit der Schermaschine achten solltest.
Häufige Fragen zum Pferde scheren
Meist zwischen Oktober und November, sobald das Winterfell voll ausgebildet ist und das Pferd nach der Arbeit deutlich länger zum Trocknen braucht. Der genaue Zeitpunkt hängt vom Fellwachstum und vom Trainingspensum ab.
Je nach Fellwachstum wird über den Winter meist ein- bis dreimal geschoren. Die letzte Schur erfolgt in der Regel nicht später als Ende Januar bis Anfang Februar, damit das Sommerfell im Frühjahr ungestört nachwachsen kann.
Ja. Durch die Schur fehlt die natürliche Isolierung des Fells. Ein geschorenes Pferd sollte deshalb passend zur Temperatur und zur Haltung eingedeckt werden.
Nein. Das Scheren selbst ist schmerzfrei, vergleichbar mit einem Haarschnitt. Unangenehm werden können heiße Klingen oder Vibration – deshalb sind gute Maschinenpflege und ein ruhiges Vorgehen wichtig.
Für die Vollschur und dichtes Winterfell eignet sich eine leistungsstarke Maschine mit hoher Durchzugskraft. Für Kopf, Ohren und Feinarbeiten ist ein kleiner Trimmer die bessere Wahl. Achte generell auf ein gleichmäßiges Schnittbild, geringe Wärmeentwicklung und einen leisen Lauf.
Dein Kavalkade Team